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Schweizer Frauen streiken am 14. Juni 2019: Und wo bin ich?

Aktualisiert: 28. Juli 2019

Sie hat feinsäuberlich im Archiv recherchiert, die Journalistin Lydia Lippuner der Limmattaler Zeitung. Wer war im Limmattal aktiv für die Chancengleichheit? Und sie fand selbstverständlich auch mich.

Auf ihre Frage hin, wo ich denn beim letzten Frauenstreik war, was sich seither verändert hat , und was ich beim diesjährigen Streiktag plane; hier meine Antwort:


Danke sehr für Ihre Nachfrage, Ihre Recherche und ihr Interesse an dem Thema. Sie zwingen mich zum Nachdenken.


Der Blick zurück: Was haben wir damals gemacht?

Am 14. Juni 1991 war ich in Thailand und habe mein Praktikum als angehende Ärztin im Siriraj Spital in Bangkok absolviert. Ich war also gar nicht in der Schweiz und kann mich auch nicht speziell an das Ereignis erinnern. Aktiv auf den Strassen war ich beim Sammeln von Unterschriften für die Einführung der Erwerbsausfallsentschädigung bei Mutterschaft. Ich habe selber bei drei Schwangerschaften nur einmal für acht Wochen von einer Mutterschaftsversicherung profitiert. Das brachte mich und meine junge Familie damals in finanzielle Schwierigkeiten. Als Berufsfrau war mir eine Beschäftigung bis 8 Wochen nach Niederkunft gesetzlich untersagt. Gleichzeitig aber kam niemand für den Verdienstausfall auf. ‚De facto‘ haben wir Frauen - auch meine Mutter bei vier Kindern - nach der Niederkunft gesetzwidrig, aber aus einer existenziellen Notwendigkeit heraus gleich wieder gearbeitet. Parallel dazu haben meine Mutter und ich die Kinder alle gestillt, respektive die Milch abgepumpt. Die Situation rund um die Mutterschaft hat sich verbessert. Dass ein Vater nur einen Tag frei haben darf, um sein neu angekommenes Kind zu begrüssen, ist nach wie vor familienunfreundlich.

Dann habe ich mich von 2003-2008 sehr stark in der Frauenlobby Limmattal engagiert. Wir wollten damals über die PolitAcademy© mehr Frauen zur politischen Kandidatur und Engagement motivieren. Wir haben Kandidaturen von allen Frauen, unabhängig von der Parteizugehörigkeit, unterstützt. Für Wirtschaftsfrauen haben wir damals schon eine Datenbank zur Vernetzung aufgebaut. Mitten im Aufbau einer Informationsplattform rund um die Schulen im ganzen Bezirk und die Kinderbetreuungsstrukturen im Limmattal musste ich die Frauenlobby verlassen. Damals war Wirtschaftskrise. Der Euro fiel von 1.60 CHF auf 1.20 CHF. Da meine vor allem im Firma im Ausland arbeitete und wir in der Schweiz unsere Löhne zahlten, kam ich stark unter Druck. Ich konnte mich nicht mehr freiwillig einsetzen, sonder baute mein Geschäft in Schweizer Franken auf. Aber meine Frauenlobby-Kolleginnen haben weiterhin Networking-, Informations- und Weiterbildungsanlässe organisiert. Es gelang ihnen jedoch leider nicht mehr, dem Bedürfnis der Frauen zu entsprechen. So wurde der Verein Frauenlobby Limmattal geschlossen und alle Arbeit landete im Gosteli-Archiv.


Aktuell: Warum geht es immer zwei Schritte nach vorne und mindestens einer zurück?

Zusammen an einem Strick ziehen und mehr Frauensolidarität sehe ich als einen Schlüssel zum Erfolg. Ich erlebte persönlich die Unterstützung von Frauen. Aber leider nicht mehr als dass ich auch von aufgeschlossenen Männern Unterstützung erfuhr. Oft beobachte ich Geringschätzung und Verniedlichungen auch Töchtern und jüngeren Frauen gegenüber.

Ich glaube wirklich, die Schweiz und der ganze deutschspachige Raum, haben ein Frauenproblem. Dieser ist aus meiner Sicht zu 50% von Männern und 50% durch Frauen verursacht, das heisst ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die Einsicht fehlt, wie sehr die Produktivität steigerte, wenn sich Frauen vollwertiger entfalten und einbringen könnten. Als Unternehmerin nicht die gleichen Chancen auf Investments zu haben, kostet enorm Energie und schmälert die Motivation. Es ist ein ständiges Kämpfen gegen Windmühlen! Zudem die Misere im Pflegesektor und in der Medizin. Das männlich geprägte Profitstreben kostet enorm, ist mitverantwortlich für das momentane Ausbrennen vieler Arbeitskräfte. Der Menschentypus "Nicht-Empathisch" geniesst Vorrang, setzt sich besser durch. Zum Nachteil aller. Es ist gefährlich und hat mit Wachstum und Mehrwert schaffen nichts gemein! Deshalb ist Protest gerechtfertigt. Weil wir Frauen, und auch Männer von unserem Charakter, dringend gebraucht werden und mehr Mitsprache einfordern. Machtverhältnisse sind nie neutral. Man muss sie sich erkämpfen.

Ich werde am 14. Juni in Delft Jungforscher aus dem Nanotech-Sektor unterrichten. Da ich schon einmal mit rosa Wollmütze in Brüssel anreiste, und dann überrascht war, dass dort niemand streikte, gehe ich NICHT davon aus, in Delft Schweizer MitsymphatisantInnen zu treffen (Smile.-). Ich werde aber die Sache mitverfolgen und bin jeder Person, auch unseren Mitarbeitern dankbar, wenn sie streiken.

Mein Engagement werde ich auf mehr Frauen in Aufsichtsgremien richten; und zwar, dass Unternehmenskulturen wahrhaft diverser werden. Vormals haben wir dazu GetDiversity unterstützt. Zudem konzentriere ich mich auf den Innovationsbereich; Frauen erhalten in Silicon Valley gerade mal 2% der Startup-Investments. In der Schweiz kennen wir die Zahlen nicht. Es gibt aber auch keinerlei Hinweise darauf, dass sie bei uns höher liegen. Es ist keine Entschuldigung, dass einfach weniger Frauen Unternehmungen gründen. Die wenigen Frauen, die diese Herausforderung annehmen, scheren aus. Sie sollen speziell berücksichtigt und unterstützt werden, denn sie schaffen Mehrwert und moderne Arbeitplätze. Das Risiko, Geld als Investor bei männlichen Guerillas zu verlieren, ist erwiesen erheblich grösser, als es in gemässigte Frauenideen zu investieren.


Eine Frau ein Wort. Mein grösster Wunsch ist es, nach diversen kleinen, ein grosses Unternehmen aufzubauen. Der Umstand, dass ich eine Frau bin und Schweizerin, wird mich daran nicht hindern. Danke allen Frauen und modernen Männern, die am 14. Juni streiken!

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Natürlich gibt es heute hoffentlich auch viele aktivere Frauen im Limmattal. So wurde mein Text nicht gebraucht. Weil ich mir die Zeit genommen hatte, publiziere ich ihn einfach hier. Dies mit meinem Lieblingsbild von Fred Lauener (Danke für die Erlaubnis!) vom Streiktag: Legendär diese junge Frau! I agree, don't want to Protest this Sch.. any more. Ich wäre beim nächsten Streik in weiteren 27 Jahren so alt wie meine Mutter jetzt.

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