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Pflege im Alter: Das weltbeste Gesundheitswesen auf Abwegen

Aktualisiert: 28. Juli 2019


Die Beine gehorchen nicht mehr, die Gedanken werden langsamer, die Knochen und Muskeln schmerzen. Dennoch: Glücklich ist, wer das hohe Alter erlebt und so lange wie möglich bei seinen Liebsten und im eigenen Heim sein kann. Die Politik wirkt auch hier. Nicht zum Vorteil der Menschen.


Bei uns Zuhause pflegen die Männer momentan unsere älteste Generation mehr als ich. Aber auch ich geniesse es, ab und zu einzuspringen. Alte Menschen, wie auch Kinder sind ein Mehrwert in der Familie. Die verbleibende Zeit mit ihnen zu verbringen, ein Geschenk.

Bundesrat Alain Berset mischt das Gesundheitswesen weiter auf. Konkret: Bei der Altenpflege werden die Kosten weiter umverteilt. „Die Versicherer müssen ab nächstem Jahr ihre Beiträge für Patienten in Heimen um 6,7 Prozent erhöhen, im Gegenzug aber 3,6 Prozent weniger an die Spitex-Pflege zu Hause bezahlen. Unter dem Strich fallen den Kassen so Mehrkosten von 83 Millionen Franken pro Jahr an, den Spitex-Diensten drohen Ausfälle von 32 Millionen, während die Kassenbeiträge an die Heimpflege um 115 Millionen steigen*.“


Ich beneide Alain Berset nicht um seinen Job! Es ist aber auch nur mehr als gerecht, dass ein Sozialdemokrat diese Trickkiste bedienen muss, die sie uns mit der Einführung des neuen KVG 1994 eingebrockt haben. Das KVG war von Anfang an als Umverteilungsmaschinerie angedacht, ohne menschliche Anreizsysteme zu berücksichtigen. Alles in allem ist das Schweizer Gesundheitswesen immer teurer geworden. Zuständig und verantwortlich ist niemand wirklich mehr.

Die gute Wirkung dieser Umverteilung und die Kosten werden arg überschätzt! Unterschätzt werden hingegen das soziale Konstrukt unter den Gesundheitsakteuren und die Auswirkung der Umverteilung auf das soziale Kapital. Das Gesundheitspersonal brennt im grossen Stil aus und läuft davon. Das ist der grösste Kostenfaktor! 30% der Mediziner, 50% der Pflegenden und 20% der Physiotherapeuten steigen aus. Es wird auch nichts nützen, mehr auszubilden. Derweil von allen Seiten, Versicherer, Pharma, Ärzte, Pflege, etc. weiterhin um den Geldtopf streiten. Das teuerste und beste Gesundheitswesen der Welt? Wenn ich die Welt nicht kennen würde, würde ich das gleiche behaupten. Zweites ist reiner Zweckoptimismus und vermutlich sogar eine bewusste Lüge.

Die Energie, die beim Streit um die Pfründe drauf geht, würden wir besser in Lösungen investieren. Die hat und diskutiert momentan niemand. Die Prävention frisst weiteres Geld. Staatlich verordnete Prävention und noch mehr Anlaufstellen? Aber wir sind genau auf diesem Kurs! Diskurs, weiter denken, echte Lösungen, das wäre Politik. Man muss es versuchen; dazu einladen. Das wäre meine Politik!


*Hier zum Artikel im Tagesanzeiger zum Thema:

https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/berset-ueberrumpelt-spitex-mit-einer-kuerzung-der-pflegebeitraege/story/13241984

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